Felsturz Kleines Mühlsturzhorn - Geo und Natur

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Felsturz Kleines Mühlsturzhorn
Die Mühlsturzhörner liegen im Nationalpark Berchtesgaden an der Ostflanke der Reiteralm gegen das Klausbachtal.

1785 (!) schrieb Wolf-Armin Frhr. v. Reitzenstein über die Mühlsturzhörner (Zitat aus: Brugger et al. 1991):
Die Mühlstürze ist ein Berg, dessen Spitze breit, aber dünne, dreylappicht, und so steil ist, daß es keinem Thiere möglich wird sie hinauf zu klettern. Sie bricht auch beständig ab, besonders im Winter, und beym Schneeschmelzen, und die Trümmer liegen bis an die Strasse.“

1885, also hundert Jahre später, wurden die natürlichen Gegebenheiten von A. Penk und E. Richter wie folgt formuliert:
„ ... wenn die Zerstörung so fortschreitet, die Mühlsturzhörner unterminirt werden und zu Thal stürze
n.“
1985, wieder hundert Jahre später, war abgesehen von mehr oder weniger regen Steinschlag- aktivitäten und kleineren Stürzen etwas weiter südlich, immer noch kein größeres Sturzereignis eingetreten.



Blick vom Klausbachtal zu den Mühlsturzhörnern (um 1985, von links nach rechts): Großes Mühlsturzhorn 2234 m, Kleines Mühlsturzhorn 2141 m und
Grundübelhorn 2096 m.
Mühlsturzhörner 1985
Am 8. September 1999 war es dann soweit: Aus der Südwest-Flanke des Kleinen Mühlsturzhornes löste sich ein Felssturz. Dies geschah nicht unerwartet, denn in den Wochen zuvor häuften sich kleinere Steinschlagereignisse und bei der Sanierung der Kletterroute durch die Südwand war aufgefallen, dass etliche Haken gar nicht mehr im Fels steckten, sondern mehr oder weniger offen in der Wand lagen.

Weitere Steinschläge folgten und am
21. September 1999 ereignete sich ein zweiter größerer Felssturz.
Nach der Größe der Ausbruchstelle zu schließen, stürzten insgesamt etwa 200.000 bis 250.000 Kubikmeter Dachsteinkalk vom Kleinen Mühlsturzhorn durch den Mühlsturzgraben talwärts.
Felssturz Mühlsturzhörner
Die Ausbruchsstelle der Felstürze am Kleinen Mühlsturzhorn knapp unterhalb des Gipfels.
Die Ursachen für die Sturzereignisse liegen in der geologischen Vergangenheit. Durch die Gebirgsbildung entstanden Klüfte und Störungen, das Gestein wurde aufgelockert, an manchen besonders stark beanspruchten Stellen völlig zerrüttet. Während der Eiszeiten hobelten Gletscher die Täler aus, zerteilten Bergketten und formten das heutige übersteilte Relief. Dies hatte im Klausbachtal zur Folge, dass zwischen dem heutigen Talniveau und den umgebenden Bergen ein Höhenunterschied von ca. 1.200 bis 1.400 Metern entstand bei einer horizontalen Entfernung von unter 1.500 Metern.
Liegen nun stark beanspruchte und gestörte Gesteine hoch über dem Talboden an steilen Bergflanken oder bauen gar ganze Berge auf, sind Sturzereignisse geradezu vorprogrammiert.

Die Ereignisse vom 8.9.1999 führten zur Ablagerung der Hauptsturzmasse im unteren Bereich des Großen Mühlsturzgrabens bis in eine Höhe von ca. 120 -140 Meter oberhalb der Hirschbichlstraße. Blöcke in einem Größenbereich von Dezimeter bis Meter bildeten die Hauptmasse. Der Böschungswinkel im unteren Ablagerungsbereich der Sturzmasse war sehr groß, so dass sich dort innerhalb der Sturzmasse rotationsartige Rutschungskörper entwickelten, die eine weitere Verlagerung der Sturzmasse talwärts zur Folge hatten.
Spektakulär bei dem zweiten Sturzereignis am 8.9.1999 war die Staubentwicklung, der „Mehlsand“, der das Aussehen der Landschaft veränderte. Eine Augenzeugin beschrieb das so: „Es ist, wie wenn man aus einem Farb- in einen Schwarzweißfilm kommt“.
Wie Untersuchungen ergaben, waren die Staubkörner nur wenige tausendstel Millimeter groß, sie konnten daher auch vom Wind bis in die Ramsau verfrachtet werden. Der Hauptanteil bedeckte jedoch das Gebiet zwischen dem Großen Mühlsturzgraben und der Ragert-Alm. Bei einer geschätzten Größe der Fläche mit Staubeintrag von zwei mal zwei Kilometer und einer durchschnittlichen Dicke der Staubbedeckung von 2 Millimeter ergeben sich so 8.000 Kubikmeter Dachsteinkalk, die beim Aufprall der Sturzmasse pulverisiert wurden. Die tatsächliche Menge dürfte aber noch größer gewesen sein.
 
Auf der Ragert-Alm musste nach dem Staubfall die Feuerwehr anrücken, um das Gras auf der Weidefläche für die Kühe wieder freizuspritzen. Im Jahr darauf hatte die „Kalkung“ zur Folge, dass das Gras auf der Ragert besonders gut wuchs ...

Mühlsturzgraben
Blick von der Hirschbichlstraße zu den Mühlsturzhörnern. Anhaltende Massenbewegungen und Muren haben das Sturzmaterial weiter talwärts transportiert.
Die Steinschläge und Stürze vom 21. September lösten Muren aus, wobei die untere über die Hirschbichlstraße hinwegging und die Brücke des Wanderweges über den Klausbach zerstörte. Das Rätsel dabei war nun, wo kam das am Murgang beteiligte Wasser her? In der Nacht zuvor hatte es lediglich 14 Millimeter Niederschlag gegeben. Die Spekulationen darüber gingen in die verschiedensten Richtungen, bis sich schließlich herausstellte, dass es im oberen Großen Mühlsturzgraben Altschneereste gegeben hatte. Diese überdauerten den Sommer geschützt durch auflagerndes Steinschlagmaterial. Der Aufprall der Sturzmasse im oberen Grabenbereich, über den die vorangegangenen Stürze hinweggegangen waren, ließ den Altschnee plötzlich schmelzen und das abfließende Wasser setzte das Murgeschehen in Gang.

Wie geht es nun weiter? Aufgrund der vorhandenen Instabilitäten, der morphologischen Verhältnisse und der Zerrüttung des Dachsteinkalkes vom Großen Mühlsturzhorn bis zu den Grundübelhörnern sind weitere Sturzereignisse zu erwarten. Am Rande des derzeitigen Ausbruchs hat sich ein Felspfeiler bereits allseitig abgelöst und ist durch eine Randkluft vom übrigen Anstehenden getrennt. Auch etwas seitlich unterhalb der Ausbruchstelle vom 8.9.1999 lösen sich immer wieder Steinschläge, dort erweitert sich eine Kluft.
Die Sturzmassen verlagern sich weiterhin talwärts, Lawinen können dabei unterstützend wirken. Nach entsprechenden  Niederschlagsereignissen muss weiterhin mit Muren gerechnet werden oder mit einem teilweise wildbachartigen Geschehen, auch weil sich im oberen Grabenbereich weiterhin Schneereste ansammeln. Ebenso können Ausräumungen des Mühlsturzgrabens durch Lawinen erfolgen. Im Talbereich sind Materialumlagerungen und Überschotterungen durch den Klausbach zu erwarten.
Datengrundlagen
Chronologie der Ereignisse: Aufzeichnungen und mündl. Mitteilungen von M. Maltan, Ragertalm; P. Hörnes, ehem. Revierleiter Forstdienststelle Hintersee und L. Köppl, Nationalparkverwaltung Berchtesgaden. Luftaufnahmen: Polizei Berchtesgaden. Geländearbeiten, Vermessungen, Schneedeckenparameter und Betrieb der Klima-/Wetterstation: Nationalparkverwaltung Berchtesgaden. Staubuntersuchungen: Prof. Zankl, Philipps-Univ. Marburg. Eigene div. geologisch-morphologische
Geländearbeiten und Untersuchungen.

Literatur
BRUGGER, W., DOPSCH, H., KRAMML, P.S. (1991): Geschichte von Berchtesgaden.- Bd. 1, Plenk, Berchtesgaden.
LANGENSCHEIDT, E. (1987): Geomorphodynamische Kartierungen sowie deren Auswertung hinsichtlich der Ausgrenzung von
Gefahrenzonen in den Testgebieten Funtensee, Jenner, Ramsau und Untersberg.- Fachbereichsbericht FB 06 Geologie des
MaB 6-Projektes; Freising.
LANGENSCHEIDT, E. (1988): Ingenieurgeologisch-felsmechanische Charakterisierung der verbreitetsten Festgesteine im
Alpenpark Berchtesgaden.- Fachbereichsbericht FB 06 Geologie des MaB 6-Projektes; Freising.
LANGENSCHEIDT, E. (2000): Steinschläge und Felsstürze am Kleinen Mühlsturzhorn, Nationalpark Berchtesgaden.-
Nationalparkverwaltung Berchtesgaden.
LANGENSCHEIDT, E. (2002): Felsstürze, Muren und deren auslösende Faktoren am Kleinen Mühlsturzhorn - Reiteralm, Nationalpark
Berchtesgaden.- Ed.: Weidinger, J.T. (2002): Gmundner Geo-Studien 1, Geo-Workshop "Stürzende Berge", S. 51 - 60, Erkudok Gmunden.
LANGENSCHEIDT, E. u. KÖPPL, L. (2001): Steinschläge und Felsstürze am Kleinen Mühlsturzhorn, Nationalpark Berchtesgaden.
Teil 2: Die Folgen im Jahr 2000.- Nationalparkverwaltung Berchtesgaden.
LANGENSCHEIDT, E. u. OTHOLT, D. (1998): Geol. Karte des Nationalparks Berchtesgaden.- Bayer. Geol. L.-A. (München).
PENK, A. u. RICHTER, E. (1885): das Land Berchtesgaden.- Zschrift. Dt. u. Österr. Alpenver., 16, 217-298, Salzburg.

Danksagung
In den Jahren 1999 und 2000 wurden die Untersuchungen von der Nationalparkverwaltung Berchtesgaden finanziell, logistisch und mit Manpower tatkräftig unterstützt.

Anmerkung
Im Umweltatlas Bayern, Bayerisches Landesamt für Umwelt, ist der Felsturz am Kl. Mühlsturzhorn als Geotop gelistet (Stand 10.12.2018): Felssturzmassen und Murkegel im Klausbachtal SW von Ramsau. Geotop-Nummer: 172R043.
Kontakt:
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